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Afrika:  arbeiten + tanzen + singen + lachen + leben

  

Die Dämmerung war schon hereingebrochen. Der Kaffee duftete und die Kerze verbreitete ein warmes Licht. Mit einem verklärten Lächeln saß mir Marietta gegenüber, den Blick in die Weite ihrer Erinnerung gerichtet, und erzählte von einer Reise, von der sie unlängst zurückgekommen war:

'Schwarz-Afrika' - Land, von dem ich so lange geträumt, dessen Trommeln, Rhythmen und Lieder ich gehört, dessen Farben und Formen mich verzaubert hatten. - Jetzt war ich endlich da, um den Traum durch wirkliches Tun zu ersetzen.
Und es tatsächlich zu erleben, ist der noch dichtere und packendere Traum - es ist die Wirklichkeit.

Einige Tage nach meiner Ankunft stand ich staunend in einer großen Fabrikhalle mit vielen langen Förderbändern. Maschinen wurden hier hergestellt. An einigen Förderbändern standen Weiße, an den meisten jedoch Schwarze. Der der Produktion, der Fabrikhalle und den Förderbändern eigene Lärm lag in der Luft. Und noch etwas anderes - eigentümlich und beglückend: Gesang, Rhythmus und Bewegung!

Während die Förderbänder, an denen Weiße tätig waren, ein verhältnismäßig monotones Bewegungsbild machten, erschienen diejenigen, die von Schwarzen bedient wurden, als ein lustiges, lachendes, singendes und tanzendes Durcheinander. Als ein sich ständig veränderndes, nur durch die langen, sich gleichmäßig bewegenden Förderbänder zusammengehaltenes Chaos. So schien es mir! Und ich spürte ein Kribbeln im Bauch, so wie ich es kenne, wenn ich von großer Höhe in einen steil abfallenden Abgrund schaue.

Ich stand - und hörte - und spürte - und staunte - und - erst ganz allmählich - und dann immer mehr - verschwammen Formen und Farben und Menschen und Maschinen. Ich war eingehüllt von Gesängen und Melodien, spürte den Rhythmus in mir aufsteigen und schwang in den Bewegungen mit. Ich tanzte nach alten afrikanischen Stammesgesängen in einer tosenden Fabrikhalle und fühlte mich dabei ungemein glücklich.

Irgendwann später, ich weiß nicht, wie lange ich so mitgetanzt hatte, spürte ich an meinem Arm eine leicht Berührung. Neben mir schwang und tanzte ein schwarzer Hüne: Schwarze, staubbedeckte, ausgetretene Schuhe, in denen nackte Füße und Beine steckten, eine knallrote, teilweise ölverschmierte, kurze Hose, ein breiter, blauer, mit Silberknöpfen verzierter Gürtel, ansonsten nackt und muskulös, die Haut rabenschwarz, vom Schweiß glänzend, um den Hals einen kleinen, abgegriffenen Lederbeutel an einer schmierigen Lederschnur, einen Kopf größer als ich, wulstige, lachende Lippen, Schnurrbart unter der Nase, Wolle auf dem Kopf und lachende Augen, die mich anstrahlten.

Ganz allmählich wurde sein Tanz langsamer und er kam in ein leicht schwingendes Stehen - und ich mit ihm, ohne dass wir ein Wort miteinander gesprochen hätten.

"Du lässt dich von dem, was du erlebst, ergreifen und schwingst mit!" - begann er mit einer tiefen, kräftigen Stimme zu sprechen. "Das ist schön! - Ich bin Toguno - und wenn du es mir erlaubst, werde ich dir eine kleine Geschichte erzählen - und du wirst dann das, was du hier erlebst, nicht nur mitschwingend spüren, sondern auch besser verstehen!"

Ich nickte heftig und mit dem ganzen Körper. - "Ja - ich freue mich, wenn du mir etwas erzählst!"

Und Toguno begann: "Ich gehöre zum Stamm der Auretungas - und die meisten anderen schwarzen Arbeiter, die du hier siehst, ebenfalls. - Wir sind es gewöhnt, unabhängig und frei zu leben. Und Singen, Tanzen, Palavern und Spielend-miteinander-sein sind wichtige Bestandteile unseres Alltags und unseres Lebens. - Doch die Zeit bleibt nicht stehen. In der abgeschiedenen Wildnis können wir heute kaum noch überleben. Zum Broterwerb müssen wir deshalb in die Dörfer und Städte ziehen und dort nach Arbeit suchen. So kamen wir hierher und in diese Fabrik.

Zunächst glaubten wir, dass das, was an den Bändern zu tun ist, nur in der Art unserer weißen Kollegen, also recht eintönig und mit wenigen und sich ständig wiederholenden, gleichen Bewegungen gemacht werden muss. Viele von uns wurden daraufhin schon nach kurzer Zeit krank. Auch die innere Einstellung veränderte sich zu gleichgültig, wütend, gehässig und auch rücksichtslos. So etwas hatten wir vorher kaum gekannt. Jeder von uns und auch unsere Gemeinschaft war in Gefahr, Schaden zu nehmen. - Auch ich kannte mich selbst kaum noch. Die Freude, die ich vorher kristallklar, wie einen Bergbach, in mir gespürt hatte, war nur noch eine trübe Brühe. Meine Gefühle waren abgestumpft. - Wo waren sie? - Ich war doch noch lebendig? - Was war geschehen? - Ich wusste es nicht.

In dieser Zeit hatte ich eines Nachts einen seltsamen Traum. Ich irrte ziellos durch den Urwald, als eine laute Stimme mir den Auftrag gab, das Grab meines Urahn zu besuchen. Es liegt zwei Tageswanderungen von hier, mitten im Dschungel, am Rande einer unserer früheren Siedlungen, die jedoch zwischenzeitlich nicht mehr bewohnt und schon wieder vom Urwald überwachsen ist.

Ich spürte, dass ich gehen muss. - So nahm ich mir frei und ging los.

Das Grab meines Urahn befindet sich unter einer riesigen Schirm-Akazie, deren Stamm mit seinen Zeichen - er war Medizinmann unseres Volkes - gekennzeichnet ist.
Nach meiner Ankunft, begrüßte ich meinen Urahn mit großer Ehrfurcht. Voll Vertrauen und Zuversicht ließ ich mich unter seinem Baum nieder. Ich wusste, dass ich bleiben werde. Und ich wusste auch, dass ich es wissen würde, wenn es an der Zeit sei, wieder zu gehen.

Ich verbrachte meine Tage mit Schauen, Probieren, Entdecken und Staunen über all das Wunderbare in der Umgebung. Es war mir vertraut aus meiner Kindheit, ich trug es auch in mir - und doch war alles wieder neu und anders - wie es webte und wirkte, Farben und Formen, Töne und Geräusche, Tiere und Pflanzen. Nun war ich wieder mitten drin.

In den ersten beiden Nächten schlief ich tief und ruhig. In der dritten Nacht, es war Vollmond, eine warme und überraschend stille Nacht, passiert es dann: Von einer leichten Berührung meiner Brust, über dem Herzen, wachte ich auf - und da saß er neben mir, mein Urahn. Groß, mager, mit dunkelbrauner Haut, eingefallenem, hagerem Gesicht, quer in der Nase ein kunstvoll bemalter Knochen, das Zeichen seiner Würde als Medizinmann. Er lächelte mir zu.

Ich wollte aufspringen - doch mit einer leichten Bewegung hielt er mich zurück und sagte: ‘Bleib ruhig liegen! - Sei gegrüßt Toguno. Ich war mir ziemlich sicher, dass du meinen Ruf hören und ihm folgen wirst. Schön, dass du gekommen bist. Nun brauche ich deine ganze Aufmerksamkeit, denn Wichtiges wartet auf dich! - Bist du bereit?’

Ich nickte und ließ mich gleichzeitig zurücksinken, um, leicht an den Baum gelehnt, seiner ruhigen, klaren und festen Stimme zu lauschen.

‘Toguno! Du kennst doch die Menschen, die sich selbst aus den Augen verloren haben, die nicht mehr spielend sein können, sondern nur noch rennen und zusammenzählen, was sie alles haben und wie viel sie machen? Aber-es-geht-nicht-anders-Menschen, oft auch Ich-kann-nicht-anders- Menschen?’ Er schaute mich fragend und gleichzeitig auch gütig an.

Ich nickte betroffen - und spürte meine Tränen in den Augen aufsteigen.

Und er fuhr fort: ‘Hüte dich davor! - Sie huldigen der Unbeweglichkeit! Es ist ein Denken und Handeln, das hineinführt in Angst und innere Unzufriedenheit, bis hin zu Unglück und Verzweiflung! - So zu leben, ist die ureigene Entscheidung dieser Menschen! - Niemand zwingt sie! - Niemand kann sie zwingen! - Sie können sich aber auch - wann immer sie das wirklich wollen - weiter-entwickeln und wieder zu spielenden Menschen werden.’

Ich wusste, dass er von mir und der bedrückenden Hektik in der Fabrik sprach. Auch von meinem Mich-einfügen und Einfach-so-mitmachen. - Da ging mir durch den Kopf: ‘Ich bin heilfroh, in der Fabrik Arbeit gefunden zu haben. Doch ich will in der Zukunft nicht mehr so gedankenlos weitermachen, wie sich das bisher eingebürgert hat. Ich nehme mir also fest vor, in genau dieser Realität neue Wege zu finden, mein Denken und Handeln so zu verändern, dass ich mich immer besser und schließlich wieder rund und wohl fühle!’ - Ich wusste zwar noch nicht, wie das gehen könnte, aber ich war trotzdem sicher, gute Möglichkeiten zu finden, die ich bisher nicht beachtet oder noch nicht bedacht hatte.

Kaum hatte ich diese Überlegungen zu Ende gedacht, fuhr mein Urahn mit einer, jetzt ganz weichen und liebevollen Stimme fort, wie wenn er mich gehört und verstanden hätte: ‘Ja, werde wieder ein spielender Mensch! - Was immer du tust, mache es spielend - hingegeben - gestaltend und selbst-vergessen - lustvoll und fantasievoll - singend und beweglich! Mit Freude! Gleichzeitig mit Kopf und Herz! Sei das, was du tust - und spüre dein: Ich und mein Tun sind eins!.

Was immer du machst, mache es nur, wenn du es für dich auch wirklich so willst! Und dann mache es mit so viel Freude für dich, wie nur irgend möglich! Beachte und genieße dabei auch deine guten und immer wieder beglückenden Gefühle!’

Während mein Urahn das sagte, sah ich mich innerlich, wie ich künftig sein will: Beweglich und kraftvoll - tanzend - lachend - fröhlich - mit einem Wort wach und lebendig und selbst mein Leben gestaltend, so wie ich es für mich am schönsten finde und so wie es mir auch gerade möglich ist. Ich nickte meinem inneren Bild zu und sagte: ‘Ja, so gefalle ich mir!’ - Langsam öffnete ich wieder die Augen, um das auch meinem Urahn zu erzählen. Doch er war verschwunden. - Ich wollte aufspringen, ihm nachrennen, ihn suchen, um ihn zu umarmen und mich bei ihm zu bedanken, doch ich schaffte es nicht. - Ich war durchströmt von so viel Zuversicht, Glück und wohliger Wärme - und schon nahm mich der Schlaf wieder in seine weichen Arme.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, fand ich diesen Medizinbeutel", er zeigte auf den abgegriffenen Lederbeutel an seinem Hals, "neben meinem Lager. Eindeutig ein Geschenk meines Urahn. In tiefer Dankbarkeit nahm ich ihn an mich - als Symbol, Helfer und Begleiter für meinen künftigen Weg. Nachdem ich mich innig von meinem Urahn und seinem Platz verabschiedet hatte, kehrte ich zurück in die Stadt - und dann auch zu meinem Arbeitsplatz. - Obwohl ich nur eine Woche weg war, fühlte ich mich nun irgendwie fremd. Ich sah, ich hörte, ich roch, ich spürte jetzt vieles, was mir vorher gar nicht aufgefallen war. Auch bei dem, was ich machte, war ich immer mehr dabei.

Ich wurde stiller und aufmerksamer und - das wunderte mich sehr - heiterer! Und ich merkte, wie mein Körper in der Fabrik zu den üblichen und notwendigen Bewegungen kleine Verzierungen zu machen begann. Ich ging mit, ließ es geschehen und freute mich darüber. Ich spürte, dass es mir gut tat und immer besser ging, je mehr ich das zuließ. Mit der Zeit wurden die Bewegungen mehr und bunter. Irgendwann kam auch die Stimme dazu. Erst summte ich, dann sang ich - und die Arbeit begann sich mehr und mehr zu verwandeln. Immer mehr in ein singendes und tanzendes Tun! - In immer mehr spürbare Freude!

Qualität und Menge meiner Arbeit wurden nicht weniger, sondern im Gegenteil, eher besser und mehr. Darum ließen mich die Aufseher auch gewähren.

Ich sagte nie ein Wort zu den anderen Arbeitern. - Doch im Laufe der Zeit veränderten sich nach und nach alle! Erst begannen die Arbeiter neben mir mitzuschwingen, dann da und dort einer (auch wenn andere immer wieder spotteten und sich lustig machten) - immer mehr - bis es eben so wurde, wie du es jetzt gerade erlebst.

Seitdem ist die Arbeit für uns alle immer mehr zu einem tanzenden "Spielen mit Bewegungen" geworden. Dazu singen wir - und haben viel Spaß!

Wenn ich morgens aus dem Haus gehe und anderen, die mir begegnen, zurufe: ‘Jetzt gehe ich in die Arbeit zum Spielen - und da bekomme ich auch noch Geld dafür! Toll, nicht wahr?’, dann schütteln die meisten verständnislos den Kopf, weil sie das nicht wissen, was du jetzt weißt. Und darum habe ich dir das jetzt auch erzählt. - Um zu deinem Mitschwingen und Einfühlen auch das Verstehen der Zusammenhänge dazukommen zu lassen!’

Er sagte es mit einem offenen und breiten Lachen im Gesicht, nahm meine Hände, schwenkt mich tanzend ein paar schnelle Runden, dass mir ganz schwindelig wurde, stellt mich wieder fest auf meine Füße und ging - schwingend, tanzend und singend - zurück an seinen Arbeitsplatz am Fließband. Von dort aus winkte er mir zu. - Auch andere schauten zu mir her und winkten lachend.

Ein spielender Mensch! - Kraftstrotzend - lachend - übermütig - glücklich!

Wunderbares Afrika! - Schon einige Zeit bin ich nun wieder Zuhause! - Seitdem bin ich dabei, Schwarz-Afrika als Vorbild zu nehmen und nun auch in mir den spielenden Menschen wieder mehr und mehr zu entdecken und zu leben! Es ist spannend! - Auch mein inneres Bild, das seitdem in mir gewachsen ist, gefällt mir sehr gut - und es hilft mir immer wieder, erfreulichere und fröhlichere Wege für mich zu finden. 
Afrika! - Ich bin dankbar, dass ich das erleben durfte!
 

siehe auch:  Newsletter Nr. 25    Spiele i.diesem Buch   

 

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